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Chancen für alle – der Schlüssel zu mehr Fachkräften

Ein Beitrag von Dr. Monika Hackel, Abteilungsleiterin Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB).

Porträtbild von Dr. Monika HackelEine hochwertige berufliche Aus- und Weiterbildung ist ein wichtiger Eckpfeiler für wirtschaftliche Stärke und gesellschaftlichen Zusammenhalt in Deutschland. In den vergangenen Jahren sind die Ausbildungszahlen allerdings deutlich rückläufig. Grund dafür ist nicht nur der fortgesetzte demografische Wandel, sondern auch das veränderte Ausbildungsverhalten von Betrieben sowie anders getroffene Berufswahlentscheidungen junger Menschen. Hinzu kommt, dass ca. 300.000 junge Erwachsene bis 35 ganz ohne Berufsabschluss sind, etwa 250.000 davon im Übergangssystem. Das ist vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Problemlagen und globaler Krisen ein auf Dauer nicht tragbarer Zustand.

Internationale Vergleichsstudien weisen auf Leistungsdefizite junger Menschen vor allem im Hinblick auf Sprache und Mathematik hin, die sich bereits auf die Ausbildungsfähigkeit auswirken. Hier sind Grundlagen zu schaffen, damit eine Ausbildung erfolgreich abgeschlossen werden kann. Auch die Erfolgsquoten von Abschlussprüfungen sind rückläufig. So ist laut dem BIBB Datensystem Auszubildende (DAZUBI) bei den Einzelhandelskaufleuten die Erfolgsquote zwischen 1998 und 2024 kontinuierlich um 13,5% gesunken.

Die Berufsausbildung im Handel gehört seit Jahren immer noch zu den ausbildungsstärksten und attraktivsten Bildungsgängen nach dem Berufsbildungsgesetz. Besonders die Berufe Verkäufer/ Verkäuferin im Einzelhandel und die Einzelhandelskaufleute führen bei den Berufen im Bereich Industrie und Handel regelmäßig die Ranglisten an. Aber auch hier sind nicht nur die Erfolgsquoten von Abschlussprüfungen, sondern auch die Ausbildungszahlen als solche rückläufig, was u.a. auf veränderte Marktlagen im Handel, die zunehmende Digitalisierung und den Onlinehandel zurückzuführen ist. Hier bieten die Kaufleute für E-Commerce Einstiege ins Erwerbsleben in der Branche, die neben Kaufleuten im Groß und Außenhandel und Kaufleuten für Dialogmarketing sowie einer ganzen Reihe weiterer Berufe von der Lagerlogistik über die IT- und Elektroberufe zukunftsoffene Einstiege ins Erwerbsleben der Branche bieten. Seltener angebotene Ausbildungen wie Drogisten/Drogistinnen oder Gestalter/-innen für visuelles Marketing ergänzen dieses Portfolio.

Um die Attraktivität der Berufsbildung zu steigern und Chancen für Fachkräfte zu bieten, ist die konsequente Orientierung an Berufslaufbahnkonzepten hervorzuheben, die etablierte und im Rahmen der höherqualifizierenden Berufsbildung neu geschaffene Aufstiegs- und Karriereoptionen innerhalb der Branche ermöglichen. So können Absolventinnen und Absolventen der Aufstiegsfortbildung zum Handelsfachwirt und zur Handelsfachwirtin berufsbegleitend und durch eine über das Aufstiegsfortbildungsförderungsgesetz geförderte Finanzierung auch ohne Studium eine erfolgreiche Karriere mit Führungsverantwortung verwirklichen.

Wichtig ist, dass gerade auch Menschen ohne Berufsabschluss, die über informell erworbene Vorerfahrung aus langjähriger Tätigkeit verfügen, in jüngerer Zeit im Fokus berufsbildungspolitischer Bemühungen stehen. 2024 wurde im Berufsbildungsvalidierungs- und -digitalisierungsgesetz (BeVaDig) die Möglichkeit eröffnet, individuelle berufliche Handlungsfähigkeit auch am Maßstab eines anerkannten Ausbildungsberufs festzustellen und zu bescheinigen. Bei nachgewiesener Gleichwertigkeit bietet das Validierungsverfahren den Teilnehmenden den Zugang zur Aufstiegsfortbildung. Besonders hervorzuheben ist auch die Möglichkeit einer in Teilen festgestellten Gleichwertigkeit für Menschen mit Behinderung. Hierdurch kann die berufliche Inklusion dieser Personengruppe gezielt unterstützt werden.

Eine weitere abschlussorientierte Weiterbildungsoption sind Teilqualifikationen. 2026 wurde eine Empfehlung des BIBB-Hauptausschusses erarbeitet und ein Verfahren installiert, um Teilqualifikationen qualitätsgesichert zu entwickeln, die einen Ausbildungsberuf vollständig in fünf bis sieben Modulen abbilden. Diese Module können zur Vorbereitung auf die Externenprüfung anbieterunabhängig bundesweit genutzt werden. Bereits jetzt liegen TQ-Berufesets in den Berufen der Lagerlogistik und für den Beruf Verkäufer/-in vor.

Der demografische Wandel und veränderte Ausgangslagen machen flexiblere und inklusivere Wege in den Beruf notwendig. Mit den nun vorliegenden Instrumenten sind alternative Wege zum Berufsabschluss für Beschäftigte ab 25, die nicht in eine klassische Berufsausbildung eingemündet sind oder die diesen Anschluss verpasst haben, aufgezeigt. Nun gilt es, alle Chancen zu nutzen, Einstiege ins Berufsleben zu fördern, Beschäftigte zu begleiten, Erfahrungen zu sammeln, Verbesserungen zu identifizieren und umzusetzen. Gemeinsames Ziel muss es sein, niemanden zurück zu lassen und die vorhandenen Potentiale auszuschöpfen.