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Was bin ich – und was will ich werden? Berufliche Ausbildung im Wandel

Ein Beitrag von Saskia Esken (SPD), Mitglied des Deutschen Bundestags. Foto: Anne Hufnagl

Porträtbild von Simona HakerWer vor der Berufswahl steht, muss sich einer einfachen, aber entscheidenden Frage stellen: Wer oder was bin ich – und wer oder was will ich werden? In einer Wirtschaft, die sich durch Digitalisierung und Nachhaltigkeit rasant verändert, ist die Antwort darauf gar nicht so einfach. Berufsbilder wandeln sich heute schneller als je zuvor. Gleichzeitig gibt dieser Wandel eine gewisse Sicherheit: Langweilig wird es nicht. Niemand muss fürchten, die einmal gewählte Berufstätigkeit ein ganzes Berufsleben hindurch unverändert auszuüben.

Im Bildungsausschuss des Deutschen Bundestages haben wir uns dazu vor Kurzem im Rahmen eines Fachgesprächs mit Expertinnen und Experten beraten. Dabei wurde deutlich: Das duale System bleibt unser wichtigstes Fundament. Es ist ein Erfolgsmodell, um das uns viele Länder beneiden und das durch duale Studiengänge eine wertvolle Ergänzung erfuhr. Dabei ist auch hier klar: Wenn sich die Märkte, wenn sich die Welt verändert, muss sich auch die Ausbildung verändern – das spüren wir derzeit überall, auch im Einzelhandel.

Wer Lebensmittel einkauft, wer Elektronik oder Kleidung vor Ort kauft oder online bestellt, sieht nur einen kleinen Teil des Verkaufsgeschehens. Das Tätigkeitsfeld im Handel umfasst weit mehr als Wareneinkauf, Regale auffüllen und die Kasse bedienen. Da geht es um Marktbeobachtung, digitale Logistik, Datenanalysen, den Mix aus Online- und Offline-Kanälen und die richtige Beratung vor Ort. Ein spannendes und sehr breites Feld also, das unterschiedlichste Interessen und Kompetenzen fordert.

Ich bin überzeugt: die größte Achillesferse der wirtschaftlichen Entwicklung ist und bleibt der Fachkräftemangel. Dabei erleben wir derzeit ein Paradoxon. Denn viele Betriebe suchen händeringend Nachwuchs und zahlreiche Ausbildungsstellen können nicht besetzt werden. Gleichzeitig finden viel zu viele junge Menschen mit geringer formaler Qualifikation und/oder anderen Hemmnissen keinen Ausbildungsplatz und bleiben damit nach der Schulzeit ohne Chance, einen für sie passenden Weg einzuschlagen.

Ein moderner Ausbildungsmarkt muss mehr leisten als nur die passenden Qualifikationen zu vermitteln – er muss auch den Jugendlichen eine Chance geben, die nicht unter den besten Bedingungen aufgewachsen sind. Gerade vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels können wir es uns nicht leisten, junge Menschen aus den Augen zu verlieren, die beim Start ins Berufsleben Hürden überwinden müssen. Dass die Integration in den Ausbildungsmarkt gelingen kann, zeigen Instrumente wie die Einstiegsqualifizierung oder die assistierte Ausbildung. Sie helfen dort, wo es Startschwierigkeiten gibt, und begleiten junge Menschen verlässlich bis zum Abschluss. Wenn Schulen, Arbeitsagenturen und Jugendhilfe eng zusammenarbeiten, entsteht genau das Auffangnetz, das Jugendliche beim Schritt in die Selbstständigkeit brauchen.

Was muss die Politik leisten, damit der Einzelhandel als Ausbildungsbranche attraktiv bleibt?

Ausbildungsordnungen müssen flexibel gehalten werden, so dass neue Entwicklungen nicht erst Jahre später im Ausbildungsalltag ankommen. Dabei bleibt es entscheidend, die Berufsschulen zu stärken – durch zeitgemäße digitale Ausstattung und gezielte Fortbildungen für Lehrkräfte. Sind sie technisch und bei den Konzepten und Kompetenzen auf dem neuesten Stand, können sie auch in der Weiterbildung des Personals eine Rolle spielen. Insbesondere aber müssen wir bei der Berufsorientierung und Begleitung insbesondere der jungen Menschen mit eingeschränkten Startchancen einen Beitrag dazu leisten, dass Bildungsbiografien gelingen, dass mehr junge Menschen einen Schulabschluss schaffen und dass danach der Sprung in den Arbeitsmarkt und damit in ein selbstbestimmtes Leben gelingt. So schaffen wir Zukunft für unsere Jugend, für unsere Wirtschaft, für unser Land.