Passungsprobleme am Ausbildungsmarkt
Ein Beitrag von Jens Peick (SPD), Mitglied des Deutschen Bundestags. Foto: Tim Pietrowski
Fachkräfteengpässe sind auf dem deutschen Arbeitsmarkt nichts Neues. Im Kontext des sich beschleunigenden demografischen Wandels wächst jedoch die Gefahr, dass aus den Engpässen eine echte Krise wird.
Vor diesem Hintergrund ist es besonders problematisch, dass die vorhandenen Potenziale, Fachkräfte von morgen auszubilden, bisher nur unzureichend genutzt werden. Während immer weniger Betriebe ausbilden, steigt gleichzeitig die Anzahl junger Menschen ohne Berufsausbildung. Jedes Jahr verzeichnet die Statistik eine große Gruppe „unversorgter Bewerber“ auf dem Ausbildungsmarkt. Das sind konkret junge Menschen, die sich zwar um einen Ausbildungsplatz bemüht haben, jedoch leer ausgegangen sind. Obwohl Parallel hunderttausende Ausbildungsplätze unbesetzt bleiben.
Dieses vermeintliche Paradox ist das sogenannte Passungsproblem am Ausbildungsmarkt.
Um diesen Missstand abzubauen, wurde in der letzten Legislatur mit dem Gesetz zur Stärkung der Aus- und Weiterbildungsförderung eine Ausbildungsgarantie eingeführt. Damit hat der Gesetzgeber einen Rechtsanspruch verankert, der jungen Menschen ohne einen Ausbildungsplatz eine außerbetriebliche Ausbildung ermöglicht. Weitere Maßnahmen, wie Orientierungs- und Beratungsangebote oder etwa der Mobilitätszuschuss, wenn für die Ausbildungsstelle ein Wohnortwechsel nötig ist, ergänzen diesen Rechtanspruch. Allerdings stößt die Ausbildungsgarantie an Grenzen. In den vergangenen Jahren wurden weitere Anreize geschaffen, um Ausbildungen attraktiver zu machen. Seit 2020 gibt es die Mindestausbildungsvergütung, damit Azubis besser ihren Lebensunterhalt bestreiten können und Ausbildungen weniger mit besser bezahlten Beschäftigungen konkurrieren, die aber langfristig keine Berufsperspektive bieten. Auch das Wohnungsproblem in Ballungsgebieten wurde mit dem Bundesprogramm „Junges Wohnen“ adressiert und es entsteht immer mehr bezahlbarer Wohnraum für Auszubildende.
Trotz der Möglichkeit außerbetrieblicher Ausbildung bleibt die betriebliche Ausbildung der Goldstandard. Dem Handel kommt hier eine Vorbildfunktion zu. Mit seiner hohen Ausbildungsbereitschaft und großen Anzahl an Ausbildungsstellen, zeigt der Handel: Wer in Zukunft gute Fachkräfte haben will, muss ausbilden. Trotzdem gibt ein Drittel der Unternehmen an, keine geeigneten Auszubildenden zu finden.
Doch auch wenn theoretisch alle Betriebe um die Notwendigkeit von Ausbildungsstellen wissen und gut ausgebildete Fachkräfte schätzen, wird bei der konkreten Bewerber*innenlage oft eine Ausbildungsferne oder fehlende Eignung konstatiert. Dass Auszubildende keine fertigen Fachkräfte sind, sollte klar sein. Und die Leistungsfähigkeit von Azubis kann zum Teil sehr variieren und damit auch der Aufwand für die Betriebe. Wenn eine einzelne Bewerberin oder ein einzelner Bewerber vermeintlich zu viel Aufwand kostet, dann wird die sogenannte Ausbildungsferne festgestellt und es entsteht ein Passungsproblem.
Dabei haben eigentlich alle Auszubildende eine Chance verdient und schon so mancher Azubi ist in seiner Ausbildung über sich hinausgewachsen. Um das zu ermöglichen und die betriebliche Ausbildung zu stärken, braucht es meiner Ansicht nach zwei Dinge:
Erstens müssen wir die betriebliche Kostenrechnung zu Gunsten der Azubis und der ausbildenden Betriebe verbessen. In der Bauwirtschaft passiert dies seit Jahren erfolgreich mit einer Ausbildungsumlage. Wer nicht ausbildet, wird trotzdem an den Kosten beteiligt. Damit wird Ausbildung für alle Betriebe attraktiver und gleichzeitig die Trittbrettfahrer-Problematik im Ausbildungssystem abgeschwächt. Studien zeigen nicht nur, wie wirksam eine Ausbildungsumlage ist, sondern auch, dass sie die Qualität und Attraktivität der Ausbildung erhöht.
Das führt zum zweiten Punkt, der Qualität der Ausbildung. Laut DGB-Ausbildungsreport sind 17,7 Prozent der Azubis durch die Arbeitsanforderungen und -bedingungen hoch belastet. Dieser Wert variiert zwischen den einzelnen Branchen sehr. Während nur 3,3 Prozent der Mechatroniker*innen sich als hoch belastet einstufen, sind es bei den Hotelfachleuten und Zahnmedizinischen Assistentinnen 34 Prozent. Auch die Azubis im Einzelhandel liegen mit 25 Prozent deutlich über dem Durchschnitt. Insgesamt führt diese als hoch bewertete Belastung bei fast der Hälfte der Azubis zum Gedanken die Ausbildung abzubrechen.
Auffällig ist hierbei vor allem der Zusammenhang zur Qualität der Ausbildung. Bei den Azubis, die die Qualität der Ausbildung als sehr gut bewerten, sinkt die Quote derer die eine hohe Belastung empfinden auf 9,4 Prozent. Eine hohe Ausbildungsqualität reduziert somit nicht nur die empfundene Belastung der Azubis, sondern folglich auch Ausbildungsabbrüche. Außerdem stehen die Branchen und Betriebe hier auch untereinander in Konkurrenz, wenn es um die Besetzung der Ausbildungsplätze geht. Der Ruf über die Qualität der eigenen Ausbildung entscheidet mit darüber, wer sich bewirbt, welche Ausbildungsberufe für Bewerber*innen in Frage kommen und ob ein Umzug für einen entsprechende Ausbildungsplatz in Frage kommt.
Viele Passungsprobleme lassen sich also mit einer besseren Ausbildungsqualität lösen. Mit einem umlagefinanzierten Ausbildungssystem werden nicht nur die Betriebe entlastet, die selbst ausbilden, sondern auch die Ausbildungsqualität wird nachweislich positiv beeinflusst. Wir können Anreize setzen mehr junge Menschen auszubilden und die Bedingungen dafür zu verbessern, doch am Ende sind zufriedenere und damit bessere Azubis etwas, dass die Betriebe und Branchen selbst in der Hand haben.

