Hitze trifft Handel: Warum grüne Innenstädte wirtschaftlich notwendig sind
Ein Beitrag von Sylvia Rietenberg, Bundestagsabgeordnete Bündnis 90 / Die Grünen. Foto: Nils Leon Brauer
Hinter Deutschland liegt ein weiterer Hitzesommer. Und zwar keiner, wie er früher einmal war und wie ihn Rudi Carrell noch 1975 herbeisehnte, sondern einer, der wieder Rekorde gebrochen hat. Dabei sind es nicht bloß die reinen Temperaturen, die Sorgen bereiten. Es sind die Begleiterscheinungen. Das RKI meldet in diesem Sommer bisher 16.300 Hitzetote. Böden und Flüsse trocknen aus. Städte heizen sich jenseits der 40 Grad- Marke auf.
Wer darin immer noch ein reines Ökothema sieht hat die Zeichen der Zeit ganz offensichtlich nicht verstanden. Wenn mit dem Rhein die wichtigste Wasserstraße Europas zu wenig Wasser führt, um durchgängig schiffbar zu bleiben und die noch fahrenden Frachtschiffe ihre Ladung drastisch verringern müssen, werden Nachschubwege abgeschnitten. Lieferketten brechen ein oder verteuern sich zumindest deutlich. Gerade der stationäre Einzelhandel wird dadurch vor erhebliche Probleme gestellt. Denn das, was im Laden ankommt, verteuert sich. Kundinnen und Kunden reagieren mit Kaufzurückhaltung.
Das setzt jedoch voraus, dass die potenziellen Kundinnen und Kunden die Läden überhaupt erreichen. Doch wer macht sich freiwillig auf den Weg in die Innenstadt, wenn ihn oder sie dort eine Gluthitze, kaum Schatten und wenig Abkühlung erwartet? Nach einer Umfrage des Handelsverbands Deutschland (HDE) verzeichnete fast die Hälfte (49%) der Befragten aus 600 Handelsunternehmen während Hitzeperioden „sinkende Frequenzen“ und 28% sogar „deutlich sinkende“ Frequenzen. Nur 16% verzeichneten „keine“ Veränderung und 6% „steigende“ Frequenzen (https://www.hi-report.de/aktuelles/ausgewaehlt/mehr-gruen-gegen-besucherschwund).
Ich kann es daher nur ausdrücklich begrüßen, wenn der HDE mehr Grünflächen in den Innenstädten, schattenspendende Bäume und Wasserangebote fordert. Die Kommunen müssen somit ihre Innenstädte gezielt umgestalten. Als Altlast der autogerechten Stadt, sind immer noch viel zu viele Flächen durchgehend versiegelt und bilden urbane Hitzeinseln. Doch das „Abpflastern“ und Neugestalten schaffen die Kommunen nicht allein. Neben gezielter Unterstützung durch den Bund im Rahmen der Städtebauförderung und Förderprogrammen, wie z.B. dem chronisch überzeichneten Förderprogramm "Anpassung urbaner und ländlicher Räume an den Klimawandel", brauchen die Kommunen und vor allem die Kommunalpolitik, Sie als engagierte Einzelhändler: Gehen Sie mit ihren eigenen Immobilien, durch Fassadenbegrünung, Entsiegelung, Verschattung etc., mit gutem Beispiel voran. Fordern Sie Maßnahmen von ihren Kommunen und bieten Sie sich als Kooperationspartner an. Und vor allem: werben Sie um Akzeptanz. Denn auch wenn die Maßnahmen die Aufenthaltsqualität langfristig steigern, kann es kurzfristig natürlich auch erstmal zu Belastungen durch Baustellen kommen.
Nur durch Engagement und Akzeptanz kann es gelingen, dass unsere Innenstädte der Klimakrise trotzen und auch in Zukunft Orte der Begegnung bleiben, in denen sich alle Menschen gerne aufhalten und die vielfältigen Angebote nutzen.
