Innenstadt neu gedacht: Leben statt Leerstand
Ein Beitrag von Hendrik Bollmann, bau- und wohnungspolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion. (Foto: Fionn Große)
Unsere Innenstädte stehen vor einem tiefgreifenden Wandel. Der klassische Einzelhandel verliert an Bedeutung, Leerstände nehmen zu und zugleich verändern sich die Ansprüche der Menschen an ihre Zentren. Doch genau darin liegt auch eine große Chance: Die Innenstadt der Zukunft muss mehr sein als ein Ort zum Einkaufen. Sie muss ein Ort zum Leben, Arbeiten, Wohnen und Begegnen sein.
Die Bundesregierung hat in den vergangenen Jahren bereits wichtige Weichen gestellt. Mit der Städtebauförderung wurden Kommunen dabei unterstützt, ihre Zentren zukunftsfähig zu entwickeln. Programme wie „Lebendige Zentren“ zielen darauf, Innenstädte und Ortskerne als Orte des Wohnens, Arbeitens, der Kultur und des gesellschaftlichen Zusammenhalts zu stärken. Auch neue Ansätze gegen Leerstand und für eine multifunktionale Nutzung von Gebäuden gehören inzwischen zur politischen Agenda. Der Bund setzt damit zunehmend auf eine ganzheitliche Entwicklung.
Denn eine attraktive Innenstadt besteht aus weit mehr als Geschäften. Menschen müssen dort ihren Alltag erledigen können, aber ebenso wohnen, arbeiten und ihre Freizeit verbringen wollen. Kitas und Schulen, Kulturangebote, Sportstätten, Kinos, Gastronomie, Arztpraxen und öffentliche Einrichtungen gehören genauso zu einem lebendigen Zentrum wie attraktive Plätze, Grünflächen und eine gute Erreichbarkeit. Entscheidend ist die Mischung.
Gerade deshalb kommt der aktuellen Reform des Baugesetzbuches eine besondere Bedeutung zu. Mit der Novelle des Baugesetzbuches möchten wir die Planungs- und Genehmigungsverfahren schneller, einfacher und digitaler machen. Vorgesehen sind unter anderem eine Straffung von Bauleitplanverfahren und Umweltprüfungen, mehr Digitalisierung sowie zusätzliche Möglichkeiten für Kommunen, gegen Schrott- und Problemimmobilien vorzugehen. Gleichzeitig soll der Wohnungsbau stärker beschleunigt werden. Die Vereinbarkeit von Handel und Wohnen in unseren Zentren soll sich zukünftig weiter verbessern.
Diese Instrumente können gerade für unsere Innenstädte wichtig sein. Wo heute leerstehende Kaufhäuser, ungenutzte Büroflächen oder problematische Immobilien stehen, muss künftig schneller über neue Nutzungen entschieden werden können. Aus ehemaligen Handelsflächen können Wohnungen, Büros, Bildungseinrichtungen oder kulturelle Angebote entstehen. Aus tristen Leerständen können neue Treffpunkte werden. Die Bundesregierung setzt damit einen wichtigen Impuls, damit Kommunen ihre Zentren flexibler und schneller weiterentwickeln können.
Der Handlungsdruck ist groß. Der aktuelle Baukulturbericht der Bundesregierung beschreibt bundesweit anhaltende Probleme durch den Rückgang des stationären Handels, leerstehende Büros und eine teilweise fehlende Wohnfunktion. Gleichzeitig wird deutlich: Die Krise der Innenstädte kann zur Chance für eine neue, multifunktionale Stadt werden.
Als jemand, der selbst aus Herne stammt, weiß ich, wie tiefgreifend eine solche Transformation sein kann. Herne und Bochum haben in den vergangenen Jahrzehnten einen intensiven Strukturwandel erlebt. Was früher selbstverständlich war, funktioniert heute nicht mehr automatisch. Gerade deshalb müssen wir unsere Zentren neu denken – und vor allem wieder mit Leben füllen.
Dazu gehört es, die Aufenthaltsqualität auch außerhalb von Gebäuden zu erhöhen. Städte stehen vor dem Konflikt, den Autoverkehr für mehr Lebensqualität zu reduzieren, während gleichzeitig eine gute Erreichbarkeit für Pendler und Kunden aus dem Umland durch den ÖPNV oder Parkmöglichkeiten gesichert werden muss. Hinzu kommt, dass durch die starke Versiegelung von Flächen sich unsere Innenstädte im Sommer aufheizen. Es fehlt oft an Grünflächen, Schatten und Wasserelementen, um die Orte bei steigenden Temperaturen lebenswert zu halten.
Die Innenstadt der Zukunft ist kein Kaufhaus unter freiem Himmel. Sie ist ein vielfältiger Lebensraum. Wenn es uns gelingt mit mehr Grünflächen, Wohnen, Arbeiten, Bildung, Kultur, Sport, Gastronomie und Handel miteinander zu verbinden, können unsere Zentren wieder zu dem werden, was sie im besten Sinne immer waren: die lebendigen Herzen unserer Städte.
