Bargeld unter Druck: Zwischen Tradition und Transformation

1. Bargeldnutzung im Wandel

Der Trend zu digitalen Zahlungen ist eindeutig und wird durch Komfort, Geschwindigkeit und neue Bezahlverfahren wie Mobile Payment unterstützt. Gleichzeitig bleibt Bargeld für viele Menschen relevant – etwa aus Gründen der Ausgabenkontrolle, des Datenschutzes oder weil Bargeld eine niedrigschwellige Zahlungsmöglichkeit für Personen mit eingeschränktem Zugang zu digitalen Angeboten ist. Diese Parallelität erzeugt ein Spannungsfeld: weniger aktive Bargeldnutzung im Alltag, aber ein anhaltender Wunsch nach Wahlfreiheit beim Bezahlen.

Der inkonsequente Verbraucher

  • Bargeld verliert weiter an Bedeutung – nur noch 33,8 % Umsatz (-1,7 %)
  • Kartenzahlung führt klar mit 63,5 %, davon Girocard allein 41,5 %
  • Bei Transaktionen dominiert Bargeld noch knapp mit 54,6 % der Transaktionen
  • Mobile Payment wächst stark: 5,7 % aller Vorgänge / 12,9 % der unbaren Zahlungen
  • Gleichzeitig: Wunsch nach Wahlfreiheit
  • Paradox: Weniger Transaktionen, aber mehr Bargeld in Haushalten (Wertaufbewahrung)

 

2. Infrastruktur unter Druck

Zunehmend verschärft sich die Frage, wie Bargeldversorgung und -entsorgung zuverlässig organisiert werden können. Der Rückgang von Geldautomaten und Bankstellen sowie Einschränkungen bei Bargeldservices wirken sich insbesondere für kleinere Handelsunternehmen spürbar aus – insbesondere dort, wo Alternativen nicht ohne Weiteres verfügbar sind. Für Handelsbetriebe kann das mehr Aufwand, mehr Kosten und weniger Planbarkeit bedeuten, etwa bei der Beschaffung von Münzgeld oder der Einzahlung von Tageseinnahmen.

Ein weiterer Strukturtrend ist die hohe Konzentration im Markt der Wertdienstleister, die die Abhängigkeit von wenigen großen Akteuren erhöht. Insbesondere für große und filialisierte Unternehmen ist es von großer Bedeutung, eine bezahlbare und vor allem zuverlässige Bargeldlogistik nutzen zu können.

Konzentration bei Wertdienstleistern

> 3 Anbieter erwirtschaften ~80% des Branchenumsatzes:

  • Kein relevanter Marktzugang für neue Anbieter
  • Mehrere Übernahmen 2013–2014 → noch stärkere Konzentration
  • Abhängigkeit von wenigen großen Akteuren

> Das Kipppunkt-Risiko

  • Sinkende Nachfrage + sinkende Angebote + steigende Kosten = labile Infrastruktur

In Kombination mit sinkenden Volumina kann eine Dynamik entstehen, in der Stückkosten steigen und die Infrastruktur fragiler wird („Kipppunkt-Risiko“).

3. Perspektive des Handels: Zwischen Kundenwunsch und Wirtschaftlichkeit

Der Handel bewegt sich zwischen zwei Polen: Auf der einen Seite stehen Kundinnen und Kunden, die schnelle digitale Bezahlprozesse erwarten; auf der anderen Seite gibt es weiterhin Nachfrage nach Bargeld und den Wunsch, Bargeld als Option zu behalten. Diese „Inkonsequenz“ im Zahlungsverhalten ist aus Verbrauchersicht nachvollziehbar, stellt aber hohe Anforderungen an die wirtschaftliche Tragfähigkeit der Bargeldprozesse entlang der gesamten Kette. Im Hintergrund steht daher weniger eine Grundsatzfrage, sondern eine betriebliche und infrastrukturelle: Welche Bargeldleistungen sind wo in welchem Umfang sinnvoll und leistbar?

4. Regulierung und Gestaltungsfragen

In der politischen und auch öffentlichen Debatte wird derzeit eine gesetzliche Bargeldannahmepflicht diskutiert. Die Sicht aus der Handels- und Infrastrukturperspektive macht allerdings deutlich, dass eine reine Annahmepflicht – ohne flankierende Maßnahmen in der Bargeldver- und Entsorgung des Handels – das Kernproblem nicht adressiert und zugleich erhebliche Umsetzungs- und Abgrenzungsfragen auslösen kann (z. B. Wechselgeldvorhaltung, Ausnahmen, große Scheine, Anzahl Kassen). Damit rückt die Frage in den Vordergrund, wie Rahmenbedingungen gestaltet werden können, die Bargeld dort stabil verfügbar halten, wo es gebraucht wird, ohne ineffiziente Strukturen zu verstetigen, die am Ende ohne entsprechende Nachfrage sind.

5. Lösungsansätze: Effizienz, Kooperation, Resilienz

Ein zentraler Ansatz zur Stabilisierung liegt in effizienteren Prozessen und Innovationen in der Bargeldlogistik – von moderner Bargeldbearbeitung im Handel bis zu effizienteren Transport- und Versorgungsmodellen. Wichtig ist zudem die koordinierte Zusammenarbeit der Akteure: Plattformen, in denen Banken, Handel, Wertdienstleister, Politik und Verbraucherschutz gemeinsam Szenarien bewerten und Maßnahmen ableiten, werden als hilfreich beschrieben, um aus Analyse konkrete Handlungsaufträge zu machen. Die Politik sollte dies als Anregung nehmen und die Rolle des Bargelds in der Zukunft intensiv zu besprechen – ohne sich auf eine simple Akzeptanzpflicht zurückzuziehen.

Ergänzend wird Bargeld auch als Resilienzbaustein wichtiger: In Störfällen (z. B. Strom- oder Netzausfälle) können digitale Zahlverfahren ausfallen, während Bargeld weiterhin funktionieren kann. Zugleich ist offen, welche Notfallmechanismen in welchem Umfang vorzuhalten sind und wie die Lasten verteilt werden – diese Fragen sind nicht allein betrieblich zu lösen, sondern berühren gesamtgesellschaftliche und staatliche Zuständigkeiten.