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Digitaler Euro: Was zählt, ist der Nutzen an der Kasse

Ein Beitrag von Tanja Müller-Ziegler, Vorstandsmitglied des Bundesverbandes der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR).

Porträtfoto-vom-Tanja-Müller-ZieglerFür den Handel entscheidet sich die Qualität eines Zahlungssystems nicht in politischen Grundsatzpapieren, sondern an der Kasse: Ist die Zahlung einfach, schnell und zuverlässig? Lässt sie sich ohne unverhältnismäßigen Aufwand in bestehende Systeme integrieren? Und bietet sie Kundinnen und Kunden einen echten Mehrwert?

Diese Fragen sollten auch beim digitalen Euro im Mittelpunkt stehen. Denn jede Zahlung ist der Abschluss eines Geschäfts. Wenn Zahlungen nicht reibungslos funktionieren, betrifft das unmittelbar Händler, Dienstleister und Verbraucher. Der Zahlungsverkehr ist eben nicht nur Bankeninfrastruktur, sondern zentraler Bestandteil des Alltags. Und er funktioniert heute bereits: millionenfach, jeden Tag.

Zugleich geht es um mehr als Technik. Wer den Zahlungsverkehr kontrolliert, hat Zugang zu Datenströmen, bestimmt Preise und hat damit Einfluss auf Märkte und Innovation. Deshalb ist die Debatte über den digitalen Euro auch eine Debatte darüber, wie Europa seine digitale Zahlungsinfrastruktur selbst gestaltet – oder ob es zunehmend von wenigen Plattformen dominiert wird.

Beim Thema Unabhängigkeit muss Europa nicht bei null anfangen. Mit SEPA, der girocard und europäischen Initiativen wie Wero bestehen bereits leistungsfähige, privatwirtschaftlich organisierte Zahlungsinfrastrukturen. Gerade in Deutschland zeigt die girocard, dass diese Lösungen funktionieren und stetig weiterentwickelt werden. Sie ist im Handel kosteneffizient und hoch akzeptiert und für viele Händler das wirtschaftlich attraktivste Kartenzahlverfahren.

Für die Genossenschaftliche FinanzGruppe ist das auch Ausdruck unseres Prinzips der Hilfe zur Selbsthilfe. Was Genossenschaften im 19. Jahrhundert für Landwirtschaft und Handwerk geschaffen haben, brauchen wir heute im digitalen Zahlungsverkehr: starke europäische Infrastrukturen als Grundlage wirtschaftlicher Unabhängigkeit. Durch diese Perspektive kann auch ein digitaler Euro ein Baustein für europäische Unabhängigkeit sein. Entscheidend ist, dass er richtig gestaltet wird.

Aus Sicht des Handels stellen sich ganz praktische Fragen: Wird der digitale Euro kosteneffizient sein? Lässt er sich einfach in bestehende Kassen-, Terminal- und E-Commerce-Systeme integrieren? Wie groß ist der zusätzliche Aufwand bei Prozessen, Technik und Support? Und vor allem: Ergänzt der digitale Euro bestehende Bezahlverfahren – oder verdrängt er sie mittelfristig.

Daher ist eine sorgfältige Preisgestaltung notwendig. Der Gesetzgeber sollte den digitalen Euro so gestalten, dass Wettbewerb, Investitionsbereitschaft und Wahlfreiheit erhalten bleiben.

Dabei ist auch eine klare Rollenverteilung zwischen EZB und Geschäftsbanken entscheidend. Die EZB kann die Infrastruktur für den digitalen Euro bereitstellen. Die Integration in bestehende Bank- und Bezahlsysteme, der Kundenservice und die praktische Umsetzung im Alltag liegen jedoch bei Banken, Zahlungsdienstleistern und Handel. Denn sie kennen die Anforderungen stabiler Bezahlprozesse, die Erwartungen der Kundinnen und Kunden sowie die Sensibilität bei Kosten, etwa bei Betrug oder Zahlungsausfällen.“ Die Politik sollte sich daher vor dem Trugschluss hüten, dass eine Behörde wie die EZB der bessere Produktentwickler ist.

Kurzum: Souveränität im Zahlungsverkehr entsteht durch Entscheidungen darüber, welche Infrastrukturen wir stärken, welche Standards wir setzen und welche Systeme sich im Markt durchsetzen. Europa muss seine Zahlungsinfrastruktur nicht neu erfinden. Vielmehr sollten wir das Bestehende klug weiterentwickeln, Innovationen Europaweit ermöglichen und die Stärken von Banken und Handel einbinden.

Wenn uns das gelingt, können wir im digitalen Zahlungsverkehr eine selbstbewusste Rolle spielen – nicht als Zuschauer, sondern als Gestalter.